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Die weltberühmte Zeitmaschine von Pitten

Erreichst du die Ersten der 1000 Hügel der Buckligen Welt, hast du es nach Pitten geschafft. Natürlich bist du wegen seiner Zeitmaschine gekommen. Dafür ist Pitten weltberühmt. Sofort drückst du den Startknopf dieses fabelhaften, einzigartigen Dings: einmal tief einund einmal tief ausatmen! Sofort spürst du, wie sich alles aufzulösen beginnt, schon schwebst du über dem Boden, der lästige Bauch und die schöne Brust sind auch schon verschwunden, nur der Kopf samt Überblick bleibt uns erhalten, den brauchen wir, zum Schauen, Erinnern und natürlich und am allerwichtigsten – sonst würde die weltberühmte Zeitmaschine von Pitten ja nicht funktionieren – wegen der Fantasie! Noch staunst du, dass dieses Schwänzchen, das aus deinem Kopf herausragt, deine großartige und phänomenale Fantasie sein soll.
Da hat sie schon ganz Pitten leergefegt von Menschen, Häusern, Autos und Strommasten. Noch mehr staunst du zu erkennen, dass dieses Schwänzchen zu einem Mäuschen gehört, das nun wie wild unter dir zu buddeln beginnt. Es buddelt sich wie wild durch 100, ein-, zwei-, dreitausend und noch mal 500 Jahre, bis es stolz die Hügelgr.ber einer mittelbronzezeitlichen Besiedlung freigelegt hat. Die Augen fotografieren, was das Zeug hält, blitzschnell muss es gehen, denn das Mäuschen jagt schon weiter. Wie im Zeitraffer wachsen im Sekundentakt Häuser und stürzen wieder ein. Wälder, Äcker, Wege spielen lustiges „Landmuster-Malen“. Bis es die Bilderflut der Jahrhunderte stoppt und ihr in einem stattlichen Haus vor einem Tisch steht. Dort liegt ein Brief aus Pergament, an dem das sü.e Tierchen zu knabbern beginnt. „Halt!“, wollen wir rufen, weil wir mit einem Mal erkennen, womit es sich da seinen Bauch vollschlagen will: mit der ersten urkundlichen Erwähnung Pittens im Jahre 869! Schon rast es weiter, kaum können wir ihm folgen. Stoppt unter einer mächtigen Eiche, wohl um sich hier kurz auszuruhen. Jetzt erst sehen wir, dass der Rinde ein Herz und die Jahreszahl 1228 eingraviert sind.
Da beginnt das Mäuschen, zuerst ganz leise, dann immer lauter, etwas zu fiepsen. Seltsame Worte, die wie „Ine sage iv nu niht mere von der grozen not“ klingen. Dazwischen hört man wohlvertraute Namen: Kriemhild, Siegfried, Attila und – oha – PITTEN. Das Mäuschen lächelt – wohl wissend, dass es uns schon wieder überraschen konnte, weil in der weltberühmten Nibelungenklage auch Pitten einen Platz hat. Und weil es so Gefallen an Überraschungen gefunden hat, springt es mit einem mächtigen Satz 257 Jahre weiter. Gemeinsam landen wir nicht nur im Jahr 1485, sondern auch in einem wunderschönen, reich verzierten Becher, in dem es sich das Mäuschen gleich gemütlich macht. Das hätte Corvinus, dem mächtigen König der Ungarn, aber gar nicht gefallen: eine Maus in seinem prachtvollen Becher! Den hatte er den Pittenern als Anerkennung für ihren Kampfesmut und ihre Unerschrockenheit während seiner Belagerung der Burg überreicht! Immer noch träumt unser Mäuschen, träumt sich 300 Jahre in die Zukunft. In der Oberfläche des Corvinusbechers spiegeln sich ein Bergwerk und Schlote samt riesiger Gebäude, die allesamt das aufregende Märchen von der Industrialisierung erzählen. Bis das Mäuschen erwacht, hochspringt und auf den Gleisen der Aspangbahn entlangläuft – von 1881 bis ins Hier und Jetzt. Wir wollen es hochnehmen, das Mäuschen, uns zu bedanken für diese fabelhafte Zeitreise, aber da ist es schon verschwunden. Stattdessen wachsen uns wieder ein lästiger Bauch und eine schöne Brust, erscheinen Beine und Füße.
Und der „Genussvolle Blick“ fragt uns, etwas pikiert, wo wir denn gewesen seien, er warte doch nun schon seit drei Sekunden auf uns, durch ihn und mit ihm das großartige Pitten zu erleben. Da müssen wir lächeln, weil wir an das kleine Schwänzchen denken müssen, das Fantasie heißt und das die weltberühmte Zeitmaschine von Pitten in Gang zu setzen imstande war …