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Das Haus, das flog

Kapitel 1
13. Oktober 1495. In dieser Neumondnacht machen sich fünf Männer mit ihren Äxten auf den Weg in den Wald. Im Auftrag ihrer Herren schlagen sie starke und mächtige Stämme. Zwei Jahre später wird mit diesem Holz der Bau eines neuen Hofes unterhalb des Schlosses Krumbach begonnen werden.
Kapitel 2
31. Dezember 1499. Auf Schloss Krumbach feiern die Herren von Puchheim ein rauschendes Fest. Die Dörfler haben sich in der Kirche des heiligen Stephan versammelt und beten für das beginnende neue Jahrhundert. Für die Tannbauern ist es ein ganz besonderer Tag: Vor ein paar Tagen erst haben sie das neue Haus bezogen. Die Nachbarn bestaunen neugierig das Bauwerk, das anders ist als all die anderen Höfe in der Umgebung.
Kapitel 3
1. Jänner 1500. Die Renaissance hat die Welt erfasst. Venedig wird zur blühenden Handelsmetropole, die Päpste sind nach ihrem Ausflug nach Avignon wieder in Rom. Leonardo da Vinci, Dürer und Tizian revolutionieren die Malerei. In Krumbach spürt man nichts davon. Dort dreht sich das Jahr um Saat und Ernte, Geburt und Tod. Um Essen und Trinken. Vier Krumbacher können lesen und schreiben. Aber es gibt, keiner ahnt etwas davon, eine Verbindung in die neu angebrochene Welt: ein Haus. Den „Tannbauer“. Bisher war das Leben eine Einheit, bestehend aus vier Wänden, in denen geschlafen, gekocht, gegessen wurde. Und das alles rund um eine Feuerstelle, die Rauchkuchl. Aber die Nachbarn sehen nun das erste Wohnspeicherhaus: Eine Stube, in der das Feuer in einem Ofen, gesetzt aus Kacheln, gezähmt ist. Eine Küche mit einer offenen Feuerstelle. Ein eigener, abgeschlossener Bereich, in dem geschlafen wird. Und ein Speicher, in dem die Vorräte aufbewahrt werden.
Kapitel 4
19. August 1512. Der Tannbauer ist der Erste gewesen. Nun gibt es bereits sechs weitere Häuser unterhalb des Schlosses und im Ort rund um die Kirche. Heute werden die Tannbauern ein Fest feiern: Weil im Vorjahr die Ernte gut und das Vieh im Stall besonders fett gewesen ist, kam von weither ein berühmter Maler, die Fassade ihres Hauses rund um den Eingang und beim Kellerzugang mit Malerei zu versehen. Wunderschön ist es geworden, und wieder haben die Krumbacher etwas zu bestaunen.
Kapitel 5
22. März 1513. Nach dem Kirchgang, die Familie sitzt in der Stube zusammen, sagt eine der Töchter des Tannbauern, Maria heißt sie, zwölf Jahre ist sie alt, sie habe heute Nacht einen seltsamen Traum gehabt. Sie habe geträumt, das Haus, das ganze Haus sei davongeflogen. Alles, die Stube, die Rauchkuchl, die Schlafkammern und der Speicher, aber auch die Kienspanhalter, die Töpfe mit der Salzlauge und selbst die schöne Malerei seien einfach davongeflogen. „Und wo ist’s gelandet?“, ruft ihr kleiner Bruder und alle lachen, weil die Maria schon immer eine solche Fantasie gehabt hat. „Ich weiß nicht“, antwortet sie. „Ich hab es nur fliegen gesehen, ich wollte es noch festhalten, aber es war zu spät. Als ich dann aufgewacht bin, hab ich mich umgeschaut und war so froh, dass alles noch da war.“
Kapitel 6
17. Juli 2018. Der „Genussvolle Blick“ hat ins Museumsdorf Krumbach geladen, den „Tannbauer“, das einzige noch vollständig erhaltene Wohnspeicherhaus im östlichen Mitteleuropa, ein paar Kilometer von seinem ursprünglichen Aufstellungsort im Originalzustand feierlich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Bürgermeister und andere Honoratioren halten Reden über die Einzigartigkeit dieses Bauwerkes. „Papa“, flüstert die kleine Maria plötzlich und zupft an seinem Ärmel, „wie ist denn das schöne Haus von dort“ – und sie zeigt in Richtung des Schlosses – „daher ins Dorf gekommen? Ist es geflogen?“