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Der Schrei vom Hutwisch

Hier ist der „Genussvolle Blick“ sozusagen zu Hause. Hier fühlt er sich urwohl. Von hier will er eigentlich gar nicht weg. Hier will er schweifen, bis ihm die Augen zufallen oder er vor Glück ohnmächtig wird. Hier will er schreien, so laut, dass man es, nach Süden gerichtet, bis nach Piran hört, und das ist immerhin 367 Kilometer entfernt, Luftlinie. „Warum schreit da jemand?“, würden die Fischer am Hafen fragen. „Weil ich euch sagen will“, würde es zurückschreien, „dass es hier heroben, am Hutwisch, so unfassbar schön ist! Ich sehe von hier das Meer, ich kann es von hier aus riechen. Ich sehe, wenn ich die 102 Stufen auf seine Aussichtswarte hinaufsteige, sogar die Fische in euren Netzen zappeln. Wenn ihr euch selbst sehen wollt, dann kommt, kommt auf den Hutwisch, er ist ja nur 367 Kilometer Luftlinie entfernt!“ Aber da ein Schrei Richtung Süden auf einem Hügel von 896 Metern Meereshöhe bei Weitem nicht ausreicht, um der Freude Genüge zu leisten, dreht er sich nun auch noch nach Osten. Und schreit sein Glück hinaus.
„Steht da etwa wieder jemand am Hutwisch und will seinem Gott nahe sein?“, würde der Muezzin der Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul fragen. Er steht auf dem Höchsten der sechs Minarette, will gerade seine Gläubigen zum Nachmittagsgebet rufen. „Solch Kraft im Preisen der Schöpfung kann nur an jenen Orten voller Magie erfolgen, die mit dem Himmel direkt verbunden sind!“ Dann hebt er voller Inbrunst seine Stimme und antwortet mit einem Gesang, der Allah preist. „Ja, Bruder“, würde es zurückschreien, „hier heroben ist jeder willkommen, egal, an welchen Gott er glaubt, weil man fühlt, was es braucht, um seiner Liebe nahe zu sein!“ Nun hat der „Genussvolle Blick“ seine Arme weit ausgebreitet und dreht sich langsam weiter, bis er den sanften Wind aus dem Norden spürt, dem er locker und mühelos entgegenschreit. „Wie schön, wieder einmal den Klang der Buckligen Welt zu hören“, würde es zurückrufen. „Delta-Zulu-Alpha. Hier spricht der Tower von Stockholm Arlanda. Wir erteilen Flugerlaubnis für alle Gedanken der außergewöhnlichen Art. Der Luftraum über dir ist frei, alles steht dir offen.“
Während er die Antwort, die ersehnte, hört, sind die Arme des „Genussvollen Blickes“ noch immer ausgebreitet. Nur ein kleines Heben und Senken braucht es, um abzuheben und in sanften Kreisen über dem Hutwisch zu schweben, noch ein bisschen höher, als die 102 Stufen es ermöglicht haben. Eins ist er jetzt mit den Winden, mit den Krähen und dem Mäusebussard, der sich wundert, wer hier in sein Revier geraten ist. Wieder sanft auf dem Bauch des Hügels gelandet, wartet noch ein Schrei, ein letzter Schrei darauf, in die weite Welt gesandt zu werden. „Westen, hörst du mich?“ „Ja, ich höre dich. Und freue mich, wie immer, deine Stimme zu vernehmen. Denn ich weiß nur zu gut, was meinen kleinen Bruder Hutwisch bewegt: Wenn hier bei mir auf meiner Spitze die ,Genussvollen Blicke‘ stehen, sich langsam drehen, um ihr Glück von hier in alle Himmelsrichtungen zu verkünden, fühlen sie sich in unserer Stille und ihrer Kleinheit so eins mit der Natur, der Schöpfung und dem Leben.“ „Danke, Bruder Mont Blanc, für deine Antwort. So verschieden ihr beiden auch sein mögt, der eine am nordwestlichsten, der andere am süd.stlichsten Ende der Alpen, der eine schroff aus hartem Felsen, der andere weich und glatt wie Menschenhaut, so verbindet euch doch das Wesentliche:
Denn ein wahres DACH DER WELT wird nicht in Metern, sondern in völlig anderen Dimensionen gemessen: Es sind nicht die 8848 Meter eines Everest, nicht deine 4810 und nicht die 896 Meter des Hutwisch, es sind diese einzigartigen Momente, wenn man dort oben steht und mit einem Mal verspürt, wie sich alles Schnelle verlangsamt, sich alles scheinbar so Wichtige auf das rechte Maß reduziert. Wo alles Laute sich zu Stille wandelt und damit das Innere zum Klingen bringt.“ Da lächelt der Hutwisch bescheiden vor Freude, für DICH ein so phänomenales Dach der Welt zu sein …