Hier anhören:

Die Passion

Die Passion Der „Genussvolle Blick“ dreht sich mitten in Kirchschlag langsam im Kreis und sagt: „In allem, was uns umgibt, lässt sich Besonderes, Außergewöhnliches finden. Denn allem Ding und allem Sein wohnt das Wunder der Schöpfung inne! Um das zu entdecken, braucht es … Passion!“ „Unser Passionsspielhaus ist dort hinten“, antwortet der kleine Kevin, der neben uns steht, an seinem Eis schleckt und uns mit der halbvollen Tüte den Weg weist. Danke, Kevin. Wir werden die großartigen Passionsspiele definitiv im Jahr 2020, ziemlich sicher 2025 und hoffentlich auch 2030 besuchen. Das Leiden Christi, seine „Passion“, von Kirchschlagern authentisch und hautnah vermittelt, ist ein Kulturgenuss der besonderen Art. „Stimmt“, sagt Kevin.
„Unsere Burg“, antwortet der Franz im Vorübergehen, als er bemerkt, wie wir lange auf den Hügel mitten im Ort und seine bizarren Mauern starren, „verlangt viel Leidenschaft von uns! Jede Stunde, die wir da oben verbringen, verbindet uns direkt mit der Geschichte unserer Vorfahren: Wenn wir Stein um Stein zusammensetzen, aus alten Plänen und unserer Fantasie erahnen, wie ein Fenster, eine Tür, ein Mauervorsprung ausgesehen haben könnten. Wenn wir Kirchschlager im Burghof zusammenkommen, fügt sich zum ,Leiden‘, dass hier zehn Steine zusammengesetzt werden und dort 20 Steine zusammenfallen, das ,Schaft‘: mit viel Energie und Liebe, mit Zusammenhalt und Freude etwas zu schaffen, was in 100 Jahren, wenn wir nicht mehr hier sein werden, immer noch seine Geschichte erzählt. Wir halten die Glut aufrecht, indem wir fortsetzen, was vor 900 Jahren begonnen wurde!“ „Habt ihr vom vielen Schauen schon einen Hunger?“, lacht die Sonja. „Wir haben einen passionierten Koch im Ort! Von weit her kommen die Leute, um sich von ihm verwöhnen zu lassen!“ Darauf hat unser „Genussvoller Blick“ ja nur gewartet: alle Sinne auf eine Geschmacksexplosion vorzubereiten! „Mit Leidenschaft zu kochen“, sinniert Sonja, die mit uns am Tisch sitzt, „egal ob zu Hause oder im 26-Mützen-Restaurant, bedeutet zu erkennen, dass Essen mehr ist als nur Hungerstillen: Wir nehmen damit Sonne und Regen, die Kraft der Erde und die Arbeit der Menschen in uns auf. Das alles perfekt vor- und zuzubereiten und auch noch mit Schönheit versehen auf einem Teller zu präsentieren, ist, ja, das ist wahre Passion!“
„Unser Duftrosengärtlein“, erklärt Bertl, „braucht viel Sorgfalt und Pflege.“ „Und Zeit!“, fügt Maria lachend hinzu. „Weil es ja nicht in unserem eigenen Hinterhof wächst!“ Seit vielen Jahren kümmern sich die beiden um dieses ganz spezielle Stückchen Garten rund um die Kirche. „Manchmal“, sagt Bertl, „denkt man sich, es könnte ja auch eine pflegeleichte Thujenhecke sein.“ Maria schimpft, er solle nicht so einen Blödsinn reden. Wo er es doch sei, der eine jede „seiner“ Rosen umsorgt, als wäre sie eins seiner Kinder! „Naja, ist halt meine Leidenschaft“, schmunzelt er und zupft ein welkes Blättchen vom Stamm einer seltenen „Abraham Darby“.
Und da zum „Genussvollen Blick“ natürlich auch das Hören gehört, folgen wir nun unseren Ohren nur ein paar Schritte in die Kirche, aus der Musik und wunderschöne Stimmen klingen. „Unser Chor und unsere Musikschulkinder“, flüstert Hedwig. „Die sind unsere große Leidenschaft!“ Still und andächtig stehen wir da und denken, dass nichts die Atmosphäre eines Gotteshauses, ob es sich nun um eine Kirche, eine Moschee, eine Synagoge oder einen Tempel handelt, so mit Liebe, Hoffnung und Glaube zu erfüllen und zu durchdringen imstande ist wie Musik. Und es sind nicht nur die Klänge, die tief in unsere Körper eindringen, sondern es ist auch die Erkenntnis, mit welcher Leidenschaft Kinder ihre Geigen und Akkordeons, Gitarren und Flöten spielen, mit welcher Hingabe Frauen und Männer ihre Stimmen heben, das Leben und die Schöpfung zu preisen und uns damit ein Stück von Gottes Größe erfahren zu lassen. „Ja“, sagt sie. „Ja“, sagt er. „Bis dass der Tod uns scheidet“, sagen beide. Dann dreht sich der „Genussvolle Blick“ mitten in Kirchschlag noch einmal langsam im Kreis, lächelt und zwinkert uns zu: „Und das ist es, was wohl jeder Leidenschaft innewohnt: die Liebe!“