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Der Wassertropfen

Inmitten der 1000 Hügel gibt es eine Quelle, deren einzigartig sprudelndes Wasser den ganz besonderen Saft des Menschen, das Blut, auf allerbeste Weise in Wallung zu bringen imstande ist. „Wie funktioniert denn das?“, will der „Genussvolle Blick“ wissen, versucht er doch stets, die Sinne für all das zu schärfen, was Wunderbares in sich trägt. Da springt ihm etwas ins Auge – ein Wassertropfen.
„Du willst wissen, was mein Freund und ich hier tun?“, fragt der Tropfen. „Bist du bereit für eine große, also eine wirklich große, fantastische Reise an den Beginn? Also wirklich ganz an den Beginn. Dort, wo du mich triffst: die Basis allen Lebens. Seit Milliarden von Jahren ziehe ich, bis heute völlig unverändert, meinen Kreis wie Sonne und Mond am Himmel: bin Meer und Regen, werde Teil der Erde, bis ich wieder in die große See zurückkehre. Mein Freund ist ein bisschen jünger, weil seine Geschichte erst vor 300 Millionen Jahren mit der Zeit der Bäume beginnt. In deren Kreislauf, in dem ein Augenschlag 100.000 Jahre bedeutet, wachsen und sterben sie, bis aus ihnen eine viele Meter dicke Schicht aus Torf geworden ist. Über die mein Meer sich legt und Sand und Gestein heranspült, bis der Boden darunter dicht verpackt ist. Und nach ein paar Augenschlägen der Schöpfung ist aus dem Torf Braunkohle und nach weiteren Sekunden Weltgeschichte Steinkohle entstanden. So wurde er, der Kohlenstoff, geboren. Genau wie ich vom Urknall, vom Schöpfer oder von Gott selbst ins Leben gerufen.“
„Aber nun erzähl mir, Wassertropfen“, sagt der „Genussvolle Blick“, „warum ihr beide hier, an diesem wunderschönen Ort inmitten der 1000 Hügel, in einer Quelle eins geworden seid?“
„Er und ich treffen uns 400 Meter tief in der Erde, dort, wo vor zehn Sekunden Schöpfung Vulkane tätig waren. Der noch immer wirksame, geheimnisvolle Plan des Universums lässt aus mir und aus ihm etwas entstehen, was unsichtbar flüchtig ist, doch durch mich eine feste Form erhält. So vereint, schießen wir gemeinsam wie durch Zauberkraft – würde man es in einem Märchen lesen, würde man es Wunder nennen – raketengleich nach oben. Doch des wahrlich Märchenhaften nicht genug, werden wir, sobald wir das Licht erreichen, durch die Physik wieder getrennt.“
„Aber sag, wie kommt es“, fragt der „Genussvolle Blick“, „dass ihr mit dem Blut des Menschen in Verbindung steht?“ „Die unermessliche Schöpferkraft hat nicht nur uns, die Elemente, erschaffen, sondern auch dieses großartige, unfassbare Wesen Mensch! Seine Weisheit ist es, die alles zu durchdringen und die großen Zusammenhänge zu verstehen vermag. So hat der Mensch in seinem nie enden wollenden Forscherdrang erkannt, dass, wenn wir seine Welt erreichen, dies bedeutet, dass mein mit mir so eng verbundener Freund unverzüglich seine Freiheit genießen und entschweben will. Doch wird er, bevor er endgültig gen Himmel steigt, allerhöflichst gebeten, eine kleine Wundertätigkeit zu vollbringen – was er natürlich voller Stolz und gern erfüllt, darf er doch, endlich befreit, seine fabelhaften Kräfte voll entfalten: In einem Becken warten auf ihn schon sehnsüchtig die Menschen, um seiner blubbernden Arie zu lauschen, die er ganz speziell für deren Lebenssaft, das Blut, von sich gibt. Mit diesem Lied vermag er tief in ihre Haut einzudringen, ihre Aderflüsse zu entdecken, um darin jene Kräfte zu entfalten, die es schaffen, alles, was zäh und stockend ist, wieder in Gang zu bringen.“
„Was für eine Geschichte!“, schwärmt der „Genussvolle Blick“. „Die Märchendichter hätten sie nicht besser erfinden können. Und mittendrin das Bad Schönau. Auserwählt, ein Ort der Begegnung der Kraft des Universums und des Menschen von heute zu sein. Wo diese beiden Wunderwerke der Schöpfung, das Kohlenstoffdioxid und ein Wassertropfen, in einer Quelle zusammentreffen – zum Wohl und für die Gesundheit des Menschen!“