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Der Stein des Hauses

Wir gehen langsamen Schrittes durch Bad Erlach, und alles ist so friedlich, so beschaulich. Vor dem Hackerhaus senken wir mit Demut unseren „Genussvollen Blick“. Das ist wichtig. Das ist gut so. Hier und jetzt weist er uns darauf hin, wie vieles wir in unserem Alltag als selbstverständlich hinnehmen. Und wie unvorstellbar die Entbehrung dieses „Selbstverständlichen“ für uns ist …

Der „Genussvolle Blick“ führt uns zu einem Stein. Niemand würde ihn wahrnehmen, weil er keine Inschrift in sich trägt, keine goldenen Adern ihn durchziehen. Er ragt nicht hervor, dass man sich an ihm stoßen könnte, noch will er uns stolpern lassen. Er ist ein Stein unter Hunderten, die dem Hackerhaus seine Festigkeit verleihen. „Stell dir vor“, sagt der Stein zu uns, „jemand kommt eines Tages zu dir und sagt, du sollest ihm deinen Besitz übergeben. Zuerst denkst du an einen Scherz, aber dann wird die Stimme lauter und bedrohlicher. Du überlegst, die Polizei zu rufen, aber dieser Jemand sagt mit erschreckender Sicherheit, dass die Polizei längst auf seiner Seite sei. Also suchst du ein paar deiner Dinge zusammen. Nein, ,ALLES‘, sagt die Stimme jetzt so schneidend, dass die Worte wie Messer über deinen Körper fahren. Du willst aus diesem Albtraum flüchten, willst Hilfe holen. ,Niemand‘, antwortet die Stimme wieder, ist mehr da, dich zu hören. ALLES, schnell!‘

Nun begreifst du langsam, wie ernst die Sache ist, verstehen tust du es nicht, wie solltest du auch. Du raffst also alles zusammen, wirfst es in einen Sack und stellst ihn vor seine Fü.e. ,Ich sagte ALLES‘, brüllt die Stimme, die dich mit stechenden Augen fixiert und nun ihren Blick an dir herabgleiten lässt. Du willst endlich erwachen, kannst es aber nicht. Du musst tun, was er von dir verlangt. Bis du nackt und bloß vor ihm stehst. Nun hat er dir wahrhaftig alles genommen. Als Letztes deine Würde.“

Wir bitten dich, Herr, lass sie niemals das Schicksal unseres Volkes vergessen. Denn solange sie sich an diese Zeit erinnern, kann der Schrecken uns nichts anhaben. „Ich will dir“, sagt der Stein, „noch etwas erzählen – eine Fabel. Im Tierreich lebten alle friedlich zusammen. Ja, natürlich fraß der Löwe den Wolf. Und der Wolf fraß die Schlange und die Schlange die Ratte. So hatte es der große Plan vorgesehen. Bis eines Tages die Hyänen verkündeten, die Eulen seien doch völlig unnütze Tiere. Ihre Klugheit sei gefährlich. Und überhaupt, wie die sich seltsam benahmen! Geschickt fütterten die Hyänen die Tiere so lange mit schrecklichen Geschichten über Eulen, dass die nun auch zu zweifeln begannen. Noch gab es ein paar wenige, die versuchten einzuschreiten. Doch es half nichts. Mit den Hyänen und ihren Parolen voran, zogen die Tiere los, die Eulen gefangen zu nehmen und sie – wie sie sagten – ,fortzubringen‘, dorthin, wo sie keinen Schaden mehr anrichten konnten. Bis keine mehr“, sagt der Stein, „bis keine Einzige mehr hier war …“

Wir bitten dich, Herr, lass sie beginnen, Geschichten zu erzählen. Denn solange sie unsere Namen auf den Lippen tragen, werden unsere Herzen schlagen. „Ich bin“, sagt der Stein, „Teil der Mauer, die dem Haus Halt gibt. Ein Haus vermittelt ein Gefühl des Schutzes, der Geborgenheit und der Unverrückbarkeit. Wie schwer ist es sich vorzustellen, einer käme, um mich, den kleinen, unscheinbaren Stein, herauszubrechen. Ein Loch zu hinterlassen, um das herum die Mauer weiter bestehen bleibt. Jemand kommt und bricht mich heraus. Nicht um ein Fenster zu schaffen, den Blick zu erweitern. Nicht für eine Öffnung, durch die sich eine Hand entgegenstreckt. Er bricht mich heraus, einfach nur so. Einfach so.“

Wir bitten dich, Herr, schenke ihnen Ohren, Augen und Herzen, die zuhören. Denn solange ihr Gedächtnis unser Staunen, Lachen und Weinen zu malen imstande ist, wird unser Leiden nicht umsonst gewesen sein. Denn was kann es Schlimmeres geben, als  vergessen zu werden. Aber DU wirst dich nun erinnern. Und uns damit am Leben erhalten …